Erntehelfer Jacko auf dem Olivenhain.

Gast­bei­trag zum The­ma Ernte

Der Dress­code ist leger, irgend­wo zwi­schen Cow­boy und Flie­sen­le­ger. Treff­punkt 5:30 Uhr Ber­lin-Schö­ne­feld, bit­te nicht zu viel Gepäck mit­brin­gen, wird eh alles dre­ckig, außer­dem haben wir drei Taschen Fil­me­quip­ment dabei, das passt nicht alles unter Simo­nes Sitz. Am Gate erst eimal zwei Run­den dop­pel­ter Espresso.

Obwohl ich mit den Jungs von OEL schon lan­ge befreun­det bin und schon vie­le Geschich­ten aus vori­gen Ern­ten ken­ne, habe ich eigent­lich kei­ne Ahnung was mich erwar­tet. Es ist Anfang Dezem­ber 2019, das ers­te Jahr in dem end­lich mal nichts dazwi­schen gekom­men ist, das erst mal, dass ich dabei sein kann, bei die­sem selt­sa­men Event, das kei­ner so rich­tig ein­ord­nen kann. Vor der Ern­te, als die Rund­mail an Freun­de und Bekann­te raus­ging, in der um drauf­gän­ge­ri­sche Rauf­bol­de (sie nen­nen es Ern­te­hel­fer) gewor­ben wur­de, hieß es, es sei eine wun­der­schö­ne Abwechs­lung, raus aus der Stadt, fri­scher Wind, die pelo­pon­ne­si­sche Son­ne, von dem Hügel aus kann man das Meer sehen, sag­ten sie, qua­si Urlaub. Wenn die Oli­ven­ern­te so idyl­lisch und erhol­sam ist, war­um sehe ich die Jungs dann danach immer tage­lang gebückt lau­fen, mit Krat­zern und Bla­sen an den Hän­den und Mus­kel­ka­ter in den Armen? Und war­um fah­ren sie jedes Jahr wie­der hin? Oli­ven zu ern­ten ist eine Hei­den­pla­cke­rei, das kann ich schon mal vorwegnehmen. 

Von Athen aus fah­ren wir mit dem Auto nach Kala­ma­ta und dann gleich wei­ter zu Ama­de­us’ Oma, ihre Bäu­me müs­sen zuerst geern­tet wer­den. Es sind fast zwan­zig Grad, kei­ne Wol­ke am Him­mel, die Son­ne schim­mert durch die Blät­ter, der Boden ist fel­sig und hel­ler als zu Hau­se. Auf einem Sack Oli­ven sitzt Ama­de­us’ Opa und macht eine Pau­se, die Oma diri­giert, trägt Geäst von links nach rechts, sagt etwas zu mir auf Grie­chisch, das ich nicht ver­ste­he, aber es muss wohl irgend­wie da lang gehen, sie schiebt mich zu Ama­de­us, der mit einer Motor­sä­ge im Baum sitzt.

Sie sag­ten es sei eine wun­der­schö­ne Abwechs­lung, raus aus der Stadt, fri­scher Wind, die pelo­pon­ne­si­sche Son­ne, von dem Hügel aus kann man das Meer sehen, sag­ten sie, qua­si Urlaub.

Ich krie­ge eine Har­ke in die Hand gedrückt und es geht los, ein­fach drauf­hau­en, mög­lichst wenig Blatt­werk beschä­di­gen, aber die Oli­ven müs­sen ab. Eigent­lich ein­fach. Aber die­se Bewe­gung ist neu für mei­ne Arme, sie wun­dern sich über den Win­kel, aber gewöh­nen sich schein­bar dran. Es geht schnel­ler als erwar­tet. Aus einem Kof­fer­raum her­aus essen wir Ein­topf, von dem mir nicht ganz klar ist, wer ihn gekocht hat. Dann geht es zum Häus­chen vom Onkel eines Onkels, der Unter­kunft der Ern­te­hel­fer, kurz das Gepäck able­gen und noch schnell einen Abste­cher zu den eige­nen Bäu­men, oben auf dem Hügel. Der Aus­blick ist umwer­fend, über unzäh­li­ge Oli­ven­hai­ne hin­weg erken­ne ich sand­far­be­ne Klip­pen. Und als ich die Fla­sche Tsi­pou­ro auf dem Auto­dach zur Sei­te schie­be, kann ich tat­säch­lich das Meer sehen, viel blau­er als auf den Fotos. Abends essen wir in Kala­ma­ta. In der Taver­ne kennt man uns, sogar mich, Ern­te­hel­fer sind hier alle gleich. Ama­de­us grüßt den Besit­zer, es ist wohl alles aus­ge­macht, immer mehr Gerich­te kom­men auf den Tisch, eines lecke­rer als das ande­re, dazu Wein und Was­ser. Im Haus des Onkels schla­fe ich ein, bevor ich Mus­kel­ka­ter sagen kann. 

Am nächs­ten Mor­gen, bei Son­nen­auf­gang, wer­den alle mei­ne Befürch­tun­gen über­trof­fen und ich schaf­fe es gera­de so auf den Rück­sitz des Autos. Das geht jetzt fünf Tage so wei­ter, von Son­nen­auf- bis Son­nen­un­ter­gang, höre ich eine Stim­me sagen, war es mei­ne? Marc, hast du was gesagt? Nein? Ich zie­he in Erwä­gung, mich aus dem fah­ren­den Auto zu wer­fen. Wenn ich es über­le­be, kann ich viel­leicht irgend­wo hier unter­tau­chen, die Win­ter sind mild und die Men­schen nett, zur Not ernäh­re ich mich von rohen Oli­ven. Aber nein, ich will nicht knei­fen. Und den Gesich­tern der ande­ren kann ich able­sen, dass es ihnen min­des­tens genau so geht wie mir, viel­leicht schlech­ter. Marc sagt: Man muss jedes Mal wie­der auf’s Neue rein­kom­men, aber irgend­wann wird es bes­ser. Und er hat Recht. Wir prü­geln die Bäu­me, als wenn’s kein Mor­gen gäbe, wir lachen gemein­sam und wei­nen heim­lich, mit­tags sit­zen wir in den Ast­ga­beln und rau­chen Kare­li­as. Grie­chen­land ist ein atem­be­rau­ben­des Land. Ich schwö­re mir, alles so ein­zu­rich­ten, dass ich jedes Jahr dabei sein kann. Ich wer­de zum Aktivoellauber.

Ich hat­te gehofft, dass ein paar Mus­keln übrig blei­ben würden.

Und dann kam die Pan­de­mie und die zeit­na­he Erkennt­nis, dass die Ern­te im Jahr 2020 nicht statt­fin­den wird. Und mei­ne Kon­di­ti­on für 2021 schät­ze ich in Anbe­tracht zwei­er Lock­downs und dem vie­len Bild­schirm­star­ren als eher schlech­ter ein. Ich hat­te gehofft, dass ein paar Mus­keln übrig blei­ben wür­den. Aber auch da baut mich der Gedan­ke dar­an auf, dass es wohl uns allen so geht und wir kom­men­den Win­ter hof­fent­lich wie­der gemein­sam ackern, lei­den, lachen und an die­sem wun­der­schö­nen Ort mit all den wun­der­ba­ren Men­schen die­se ver­fluch­ten Oli­ven von den Bäu­men in die Müh­le beför­dern. Bis dahin müs­sen wir uns mit dem OEL aus den Kanis­tern zufrie­den geben, das schont wenigs­tens die Arme. 

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